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172 Tage unschuldig in Haft – Die wahre Geschichte hinter der Medienfront

Völkermarkt

Ein Kind kann das ganze Herz ausfüllen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Wenn Eltern jedoch ihr Kind zu Grabe tragen müssen, zerbricht für sie die Welt. Eine Welt die nie wieder so sein wird wie zuvor. Einer jungen Familie aus dem Bezirk Völkermarkt wurden diese geschriebenen Zeilen zur grausamen Realität. Als ob dieser Schicksalsschlag noch nicht genug wäre, wurde der Vater knapp eineinhalb Jahre später wegen Mordes an seinem verstorbenen Baby verhaftet. Nach einem kräftezehrenden knappen halben Jahr in U-Haft, wurde der Fall in den vergangenen beiden Tagen am Klagenfurter Landesgericht detailliert zum letzten Mal aufgerollt. Wir haben mit der Lebensgefährtin, der Mutter und dem Bruder des heute 28 Jahre alten Mannes vor der Gerichtsverhandlung die Zeit Revue passieren lassen.

Es war der 30. November 2019, als die junge Familie von der Polizei angerufen und gefragt wurde, ob der damals 27-Jährige zu Hause sei, denn sie müssten einen Brief vorbeibringen. Dass dieser ominöse Brief jedoch die Mitnahme in die Justizanstalt nach Klagenfurt bedeuten würde, war keinem klar. „Wir sind draußen gesessen. Da haben wir gesehen, wie bei der Einfahrt nebenan ein Polizeiauto stehen geblieben ist. Ein paar Minuten später ist ein Zweites gekommen. Sie haben sich dort getroffen, wohl etwas besprochen und sind dann zu uns gekommen und haben ihn, mehr oder weniger bevor er noch Hallo sagen konnte, verhaftet“, erzählte uns die Lebensgefährtin des Angeklagten.

Symbolfoto©piabay

Und von heute auf morgen war alles anders…

Nach und nach erfuhr die gesamte Familie von der Inhaftierung des jungen Völkermarkters. Ihm wurde zur Last gelegt, seine über alles geliebte sechs Wochen alte Tochter im Jahr 2018 dermaßen geschüttelt und gegen einen Gegenstand geschlagen zu haben, was schlussendlich zu ihrem Tode geführt haben soll. Diese Szenen sollen sich in den kurzen Minuten, als er mit seinen Zwillingskindern allein war, abgespielt haben. Unfassbar für seine Familie und Freunde, denn keiner verschwendete nur einen Gedanken daran, diesen absurden Anschuldigungen Glauben zu schenken. Im Gegenteil, der Vater von drei Kindern wird als fürsorglich, liebevoll und als absolute herzensgut beschrieben – mit Nerven, die ins Unermessliche ragen.

Im Interview wurde klar, wie schrecklich sich die kommenden Wochen und Monate in die Länge gezogen haben. Die beiden Kinder im Alter von drei und eineinhalb Jahren fragten nach ihrem Papa. Sie konnten nicht verstehen wo dieser Mensch geblieben ist, der jeden Tag mit ihnen spielte, ihnen Sachen beibrachte und sie herzergreifend umsorgte. Aus dem Mittagsschlaf aufgewacht, war auf einmal nur noch ihre Mama da. Ihr Papa kam nicht mehr. Er war sich von Anfang an keiner Schuld bewusst und vertraute der Justiz. „Ich komme bald wieder heim, ich hab ja nichts getan“, erinnert sich seine Mutter an die Worte ihres Sohnes.

Symbolfoto ©pixxabay

„Es war eine Reihung von Justizfehlern, die nicht hätten passieren dürfen“

Die Familie des Angeklagten verbrachte Tage und Nächte auf der Suche nach Beweisen. Beim ersten Besuch in der Justizanstalt hatte jeder zu kämpfen. Den hilflosen und unschuldigen Bruder inhaftiert zu sehen, ihn nicht helfen zu können, war für den großen Bruder schwer zu verkraften: „Ich habe in sein Gesicht geschaut. Es war für mich ein absoluter Alptraum.“ Ihn so zu sehen, wie er leidet, war für die Familie eine der herzzerreißendsten Situationen.

„Es ist so leicht jemanden zu beschuldigen und es ist so schwer das Gegenteil zu beweisen“

Lebensgefährtin des Völkermarkters

„Es ist kein Tag vergangen, an dem wir nicht über ihn geredet haben. Es vergeht nach wie vor kein Tag. Er ist immer präsent“, so seine Mutter. „Er telefoniert mit uns. Es geht ihm teilweise schon sehr schlecht und er sagt er habe keine Kraft mehr. Dann hat er wieder Phasen wo er zuversichtlich ist.“

„Eigentlich muss man wirklich sagen, es ist alles gegen uns gegangen. Jedes Mal, wenn wir nur ein wenig zuversichtlich waren, haben wir die nächste Watsch‘n bekommen. Mittlerweile traut sich keiner mehr zuversichtlich zu sein. Es traut sich von uns keiner mehr aussprechen, dass es gut gehen wird“, gibt uns der Bruder zu verstehen.

Heute, 19. Mai 2020, kurz nach 18:30 Uhr

Nach 172 Tagen in Haft wurde der 28-Jährige heute nach einer zweitägigen Gerichtsverhandlung seitens der Geschworenen freigesprochen. Es bestand bis zuletzt die Unschuldsvermutung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Er darf wieder nach Hause zu seiner Familie. Er darf sie in den Arm nehmen und so lieben wie er es zuvor getan hat und er wird an das Grab seiner verstorbenen Tochter gehen, die mit Sicherheit in dieser schwierigen Zeit wie eine kleine Löwin auf ihren Papa aufgepasst hat.

Symbolfoto©pixabay

Statements aus dem ergreifenden Interview

„Wenn Leute daherkommen und sagen „Hast du das gehört?“ und man sagt „Er ist unschuldig“ und man darauf hört „Na, hast die Zeitung nicht gelesen?“ – solchen Menschen kannst du nicht helfen. Durch das was passiert ist, weiß ich es noch mehr, dass 95 Prozent nicht stimmt, was die Zeitungen schreiben. Die ganze Geschichte ist der Beste Beweis dafür“

Bruder

„Ich hasse es wie die Pest, wenn jemand sagt „Hast du gehört was der getan hat?“. Die Leute die Mediengeil sind, sind die Ersten die sich den Mund zerreißen. Die gesamte Familie und die wahren Freunde stehen hinter meinem Sohn.“

Mutter

„Es kann so schnell passieren, dass durch so viele Fehler und Missdeutungen ein liebevoller Familienvater auf einmal aus dem Leben gerissen wird. Man glaubt gar nicht wie schnell so etwas passieren kann. Es bedrückt mich schon sehr, dass man so schnell in eine Schublade geschoben wird, wo man eigentlich gar nicht hinein gehört. Es geht über Nacht und du wirst abgestempelt als Mörder. Aber jeder der ihn wirklich kennt, steht mit beiden Füßen hinter ihm und es werden tausende Hände da sein, die ihn auffangen. Andere Leute die schlechte Sachen reden oder verbreiten, haben am meisten mit sich selbst zu kämpfen.“

Lebensgefährtin

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Geschrieben am: 19.05.2020 18:01 Uhr

  • Quelle: VK24 Interview
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