Author: Erich Varh-Tropper
Neuhaus – Digitalisierung bedeutet längst nicht mehr nur, Papier durch PDF-Dateien zu ersetzen oder Akten digital abzulegen. Die Anforderungen an moderne Gemeinden wachsen stetig. Bürgerinnen und Bürger erwarten digitale Services, schnellere Verwaltungsabläufe und zeitgemäße Kommunikationswege. Gleichzeitig rückt ein Thema immer stärker in den Fokus: die digitale Souveränität.
Mehr als nur digitale Akten
Unter digitaler Souveränität versteht man die Fähigkeit, digitale Infrastruktur und Daten möglichst unabhängig von großen internationalen Technologiekonzernen zu betreiben. Ziel ist es, sich langfristig von Anbietern wie Microsoft, Google oder anderen globalen Plattformen unabhängiger zu machen und verstärkt auf offene, transparente Open-Source-Lösungen zu setzen.
Die technischen Möglichkeiten dafür sind mittlerweile vorhanden. Viele Open-Source-Systeme gelten heute als ausgereift und leistungsfähig. Dennoch zeigt die Praxis, dass technische Lösungen nur ein Teil der Herausforderung sind. Jede Umstellung verändert bestehende Arbeitsabläufe – und gerade in Verwaltungen stoßen selbst kleinere Veränderungen oftmals auf Skepsis oder Widerstand.

Gemeinden können den Wandel nicht alleine stemmen
Gleichzeitig muss man realistisch bleiben. Eine kleine Gemeinde wie Neuhaus kann die digitale Transformation nicht im Alleingang bewältigen. Dafür sind die technischen, rechtlichen und organisatorischen Anforderungen mittlerweile zu komplex.
Eine entscheidende Rolle spielen daher übergeordnete Institutionen wie das Gemeinde-Servicezentrum Kärnten, das bereits heute große Teile der IT-Infrastruktur vieler Gemeinden betreut. Auch das Land Kärnten wird künftig eine wichtige Rolle dabei spielen, Standards zu schaffen und Gemeinden bei der Umsetzung zu unterstützen.
Gerade beim Thema digitale Souveränität werden regionale Rechenzentren, gemeinsame Plattformen und landesweite Strategien eine zentrale Bedeutung haben. Einzelne Gemeinden können Impulse setzen, nachhaltige Veränderungen werden jedoch nur gemeinsam möglich sein.
Verwaltung und Gesellschaft stehen vor Herausforderungen
Die Digitalisierung entwickelt sich in einer Geschwindigkeit, die für viele Verwaltungsstrukturen kaum aufzuholen ist. Während technologische Innovationen beinahe monatlich neue Möglichkeiten eröffnen, verlaufen Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse im öffentlichen Bereich naturgemäß deutlich langsamer.
Hinzu kommt insbesondere in Kärnten ein weiterer Faktor: die Bevölkerungsstruktur. Ein großer Teil der Bevölkerung gehört älteren Generationen an, die digitalen Veränderungen oftmals mit einer gewissen Skepsis begegnen. Das ist nachvollziehbar, denn neue Technologien bedeuten häufig auch den Verlust gewohnter Abläufe.
Deshalb wird Digitalisierung nicht allein eine technische Aufgabe sein. Ebenso wichtig sind Information, Aufklärung und kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinden werden ihre Bürgerinnen und Bürger auf diesem Weg mitnehmen müssen. Dafür braucht es Geduld, Ausdauer und Verständnis für unterschiedliche Zugänge.

Neuhaus setzt bereits konkrete Projekte um
Dass Digitalisierung jedoch konkrete Vorteile bringen kann, zeigt Neuhaus bereits heute. Im Rahmen des Forums „Digitale Gemeinde 2035“ im Österreichischen Parlament präsentierte die Gemeinde ihre Erfahrungen als Praxisbeispiel.
Gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft, Forschung und Verwaltung arbeitet Neuhaus an verschiedenen Zukunftsprojekten. Dazu zählen unter anderem Kooperationen mit der Universität Wien, der Hochschule Campus Wien, der Universität der Bundeswehr München sowie dem Software Competence Center Hagenberg.
Ein besonders greifbares Beispiel ist die Digitalisierung der Wasserversorgung. Die bisher aufwendige manuelle Ablesung der Wasserzähler wurde durch ein automatisiertes System ersetzt. Die gewonnenen Echtzeitdaten ermöglichen es, Leckagen oder Rohrbrüche deutlich schneller zu erkennen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten.
Auch im Bereich der Krisenkommunikation wird geforscht. Ziel ist es, selbst bei Blackouts oder Naturkatastrophen handlungsfähig zu bleiben und die Kommunikation aufrechtzuerhalten, wenn klassische Systeme ausfallen.
Das gallische Dorf der Digitalisierung
Natürlich wird Neuhaus nicht alleine die digitale Zukunft Kärntens gestalten können. Dennoch verdient die Gemeinde Anerkennung dafür, den Mut zu haben, neue Wege zu gehen und innovative Projekte aktiv voranzutreiben.
Vielleicht ist Neuhaus damit tatsächlich ein wenig das „gallische Dorf“ der Digitalisierung – eine kleine Gemeinde, die zeigt, dass Größe nicht entscheidend ist, wenn Visionen, Engagement und der Wille zur Veränderung vorhanden sind.
Der digitale Wandel wird Zeit brauchen. Doch Fortschritt entsteht dort, wo Menschen bereit sind, den ersten Schritt zu machen. In Neuhaus scheint dieser Schritt bereits gesetzt worden zu sein.
Über den Autor: Erich Varh-Tropper beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit digitaler Kommunikation, Online-Marketing und digitalen Medien. Mit VK24 und seiner Agentur evmedia begleitet er die digitale Entwicklung von Unternehmen, Vereinen und öffentlichen Einrichtungen in Südkärnten. Sein besonderes Interesse gilt der Frage, wie Digitalisierung auch im ländlichen Raum praxisnah und nachhaltig umgesetzt werden kann.