MERLIN steht für „Messaging mit regionaler LoRa-Infrastruktur“ und ermöglicht eine textbasierte Kommunikation unabhängig von Mobilfunk und Internet. Dabei funktioniert der Informationsfluss in beide Richtungen: Die Gemeinde kann Warnungen und Informationen an die Bevölkerung senden, gleichzeitig können Bürger Meldungen an den Gemeindekrisenstab übermitteln.
Hilfe gezielter einsetzen
Besonders bei großflächigen Unwettern kann das System wertvolle Informationen liefern. Sind einzelne Ortsteile oder Häuser wegen überfluteter oder blockierter Straßen nicht erreichbar, können Bewohner über MERLIN beispielsweise mitteilen, dass sie sicher sind und derzeit keine Hilfe benötigen. Dadurch kann der Krisenstab besser einschätzen, wo tatsächlich dringender Handlungsbedarf besteht.

„Bei einer großen Katastrophe können wir nicht überall gleichzeitig sein. Wenn wir aber wissen, dass Menschen in einem abgeschnittenen Bereich sicher sind, können wir unsere Einsatzkräfte dort einsetzen, wo tatsächlich Hilfe benötigt wird“, sagt Bürgermeister Patrick Skubel.
Die Idee entstand nach der Starkregenkatastrophe im August 2023, bei der in Neuhaus Schäden von mehr als drei Millionen Euro entstanden und die Kommunikation teilweise unterbrochen war.
Zehn Basen und 100 Messenger
Seit September 2024 wurde zunächst ein Prototyp an fünf Standorten getestet. Inzwischen verfügt Neuhaus über eine umfangreichere Infrastruktur mit zehn energieautarken MERLIN-Basen mit Alarmierungsfunktion und rund 100 mobilen MERLIN-Messengern für Bevölkerung und Einsatzkräfte. Die Technik wurde dabei auch unter realen Bedingungen erprobt. So wurden bei ausgewählten Basen die Solarpanels für drei Monate getrennt. Die Systeme liefen weiter, die Batterien waren am Ende des Tests noch etwa zur Hälfte geladen.
Im September 2026 geht nun die dritte Generation des Systems in Betrieb. Die neuen Messenger sind kompakter und verfügen über ein integriertes GPS-Modul, mit dem bei Notfallmeldungen auch der Standort übermittelt werden kann. An den MERLIN-Basen erleichtern gut sichtbare rote Notfalltaster das Absetzen einer standardisierten Notfallmeldung.

Auch eine besonders einfache mobile Variante für ältere und besonders schutzbedürftige Menschen soll künftig eingesetzt werden. Zusätzlich wurden die Basen mit Wetterstationen ausgestattet. Die Messwerte zu Temperatur, Wind, Niederschlag und weiteren Daten sind online abrufbar.
Für Projektleiter Prof. Dr. Wolfgang Hommel zeigt Neuhaus, wie Forschung direkt in die Praxis überführt werden kann. MERLIN nutzt die energiesparende LoRa-Funktechnologie und soll auch bei länger andauernden Blackout- und Katastrophensituationen eine Kommunikation ermöglichen.
Großer Praxistest im November
Entscheidend ist für die Gemeinde Neuhaus, dass das System nicht nur technisch funktioniert, sondern auch von der Bevölkerung im Ernstfall genutzt werden kann. Deshalb wird MERLIN seit September 2025 gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern laufend getestet.
Der nächste große Praxistest folgt am Freitag, 13. November 2026, im Rahmen der Landes-Katastrophenschutzübung „Combined Success 2026“. Dabei soll das System erneut unter möglichst realistischen Bedingungen erprobt werden.
Auch über Neuhaus hinaus stößt das Projekt auf Interesse. Ende September informierten sich Vertreterinnen und Vertreter weiterer Gemeinden vor Ort über die Technik und mögliche zukünftige Projekte. Kontakte bestehen unter anderem zu Partnern aus Katastrophenschutz, Energieversorgung und Einsatzorganisationen.
Das ROLORAN-Forschungsprojekt der Universität der Bundeswehr München läuft noch bis 31. Dezember 2026. Die Gemeinde Neuhaus und die Projektpartner wollen die bisherigen Erfahrungen anschließend für weitere Forschungs- und Entwicklungsprojekte nutzen.